Von Max „GravelVibe“ Richter
Wer kennt es nicht? Du planst eine entspannte „Schotter-Runde“ am PC. Alles sieht grün aus. Du fährst los.
Eine Stunde später stehst du mit deinem 4.000 Euro Bike knöcheltief im Matsch, vor dir eine Wand aus Dornen, und dein Wahoo piept fröhlich: „Route wird fortgesetzt.“
Oder noch schlimmer: Die App schickt dich für 10 Kilometer auf die Landstraße, wo LKWs mit 20cm Abstand an deinem Ohr vorbeirauschen.
Gravel-Routenplanung ist eine Kunst. Es ist der schmale Grat zwischen „Langweiligem Asphalt“ und „Unfahrbarem MTB-Trail“.
Hier zeige ich dir, wie du Strecken baust, die wirklich Spaß machen.
1. Das Tool der Wahl: Komoot ist König (aber nicht unfehlbar)
In Europa kommen wir an Komoot nicht vorbei. Google Maps ist für Radfahrer nutzlos (kennt keine Waldwege), Strava ist gut für Segmente, aber Komoot hat die besten Karten-Daten für Offroad.
Der erste Fehler: Blindes Vertrauen auf den Modus „Gravel Bike“.
Der Algorithmus von Komoot meint es oft zu gut. Er liebt „Abwechslung“. Das bedeutet manchmal, dass er dich für 500 Meter Singletrail einen riesigen Umweg fahren lässt oder dich über eine Wiese schickt, die eigentlich ein Acker ist.
Pro-Tipp: Planst du eine Tour im unbekannten Gelände? Schau dir die Wegbeschaffenheit (Leiste unten) genau an.
- Loser Untergrund / Kies: Das wollen wir.
- Naturbelassen: Vorsicht. Kann geil sein, kann aber auch eine Matschgrube sein.
- Singletrail: Klick drauf. Ist es S0 oder S1? Super. S2? Das ist Mountainbike-Territorium (Stufen, Felsen). Da wirst du schieben.
2. Die Macht der „Trail View“ & Heatmaps
Seit kurzem hat Komoot das Feature Trail View (die grünen Punkte auf der Karte). Das sind Fotos von anderen Nutzern, die KI-gestützt den Weg zeigen.
- Nutze das! Klick auf die grünen Punkte entlang deiner geplanten Route. Siehst du da faustgroße Steine und Wurzeln? Wenn du Anfänger bist, plan um. Siehst du feinsten Champagner-Gravel? Go for it.
Alternative: Strava Heatmap
Wenn du einen Premium-Account bei Strava hast: Schalte die „Global Heatmap“ an.
Leuchtet ein Weg im Wald hellblau? Dann fahren da viele. Er ist also fahrbar.
Ist der Weg dunkelgrau und niemand war da? Dann existiert er vielleicht gar nicht mehr (zugewuchert).
3. Highlights: Fluch und Segen
Die roten Marker in Komoot („Highlights“) sind super zur Inspiration. Aber Achtung:
Nicht jedes Highlight ist gravel-tauglich.
Nur weil „Herbert (65)“ schreibt „Tolle Abfahrt“, heißt das nicht, dass das mit 40mm Reifen Spaß macht. Herbert fährt vielleicht ein vollgefedertes E-MTB.
Lies die Kommentare und check die Fotos zum Highlight!
4. Satellite View: Der Realitäts-Check
Bevor ich eine Route speichere, schalte ich IMMER auf Satelliten-Ansicht um und zoome in kritische Passagen rein.
- Ist der „Weg“ durch den Wald auf dem Satellitenbild überhaupt zu sehen? Nein? Dann ist er wahrscheinlich weg.
- Führt die Route durch ein dunkles, nasses Tal? Im Winter meiden!
- Führt sie über eine große graue Fläche? Das ist wahrscheinlich ein Industriegebiet oder eine Baustelle.
5. Reverse Engineering: Klau bei den Besten
Warum das Rad neu erfinden?
Es gibt riesige Sammlungen von perfekten Gravel-Routen.
- Orbit360: Die Serie für Ultra-Graveler in Deutschland. Die Routen sind öffentlich.
- Gravel-Events: Such nach GPX-Tracks von Events in deiner Nähe (z.B. „Gravel Games“, „Steine & Beine“). Die Veranstalter haben sich schon die Mühe gemacht, die besten Wege zu scouten.
- Lokale Rider: Such auf Komoot nach Nutzern in deiner Region, die „Pionier“ sind. Folge ihnen. Kopiere ihre Touren („Tour anpassen“). Das ist kein Diebstahl, das ist ein Kompliment.
6. Navigation am Lenker: Handy vs. Radcomputer
Du hast die perfekte Route. Und jetzt?
- Handy am Lenker (QuadLock / SPC+):
- Vorteil: Riesiges Display, top Karte, Routenänderung easy.
- Nachteil: Akku schnell leer, Kamera-Stabilisator kann durch Vibrationen kaputt gehen (Vorsicht bei teuren iPhones!), Regen ist nervig.
- Radcomputer (Wahoo Roam / Garmin Edge):
- Vorteil: Akku hält ewig, robust, gut ablesbar in der Sonne.
- Nachteil: Kartendarstellung ist rudimentärer.
- Mein Favorit: Wahoo Elemnt Roam v2. Die Integration mit Komoot ist nahtlos. Route am Handy speichern -> Wahoo synchronisiert automatisch.
FAQ: Gravel Route Planning
Sollte ich das Profil „Gravel“ oder „Mountainbike“ nutzen?
Kommt drauf an.
Profil „Gravel“: Priorisiert Schotter und Asphalt, meidet technisch schwere Trails. Manchmal aber zu viel Straße.
Profil „Mountainbike“: Findet geile Wege im Wald, schickt dich aber auch mal steile Rampen hoch, die mit Gravel-Übersetzung kaum fahrbar sind.
Mein Tipp: Plan mit „Gravel“, aber zieh die Route manuell in den Wald, wenn du siehst, dass eine schöne Schneise parallel zur Straße läuft.
Was bedeuten S0, S1, S2?
Das ist die Singletrail-Skala.
S0: Leichter Weg, keine Hindernisse. Gravel-Paradies.
S1: Kleinere Wurzeln, Steine, Wasserrinnen. Mit 40mm Reifen und Technik gut machbar. Macht Spaß!
S2: Größere Wurzeln, Stufen, steiles Gelände. Nur für Experten auf dem Gravel Bike (Underbiking).
S3+: Lebensgefahr mit dem Dropbar.
Wie bekomme ich die GPX-Datei auf mein Gerät?
Bei Komoot einfach auf „Tour speichern“ klicken.
Wahoo/Garmin: Wenn die Accounts verbunden sind, passiert das per WLAN automatisch.
Manuell: Klick auf „GPX herunterladen“ und schick die Datei per Mail oder Bluetooth an dein Gerät (bei älteren Modellen).
Fazit:
Gute Planung dauert 15 Minuten, rettet dir aber den Sonntag.
Nimm dir die Zeit, check die Satellitenbilder und vertrau niemals blind dem Algorithmus. Der Computer weiß nämlich nicht, dass es gestern geregnet hat und der Weg jetzt ein Sumpf ist.
Plan smart, ride hard.
– Max


